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Veröffentlichung:
mit Helene Weigel, Helmut Baierl, Joachim Tenschert 1967 in Buckow (Foto: Vera Tenschert)
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Alternativlos? Rede zum Abschluß
des Berliner Ostermarsches am 9. April 2007
"Das
Gedächtnis der Menschheit für erduldete
Leiden ist erstaunlich kurz. Ihre Vorstellungsgabe
für kommende Leiden ist noch fast geringer.
Die Beschreibung, die der New Yorker von den
Greueln der ersten abgeworfenen Atombombe erhielt,
schreckten ihn anscheinend nur wenig. Deutsche,
noch umringt von Ruinen, zögerten, die
Hand gegen einen neuen Krieg zu erheben. Die
weltweiten Schrecken der vierziger Jahre scheinen
schnell vergessen. Der Regen von gestern macht
mich nicht naß, sagen viele.
Kriege seien wie Naturereignisse, sie kommen und gehen wie der Wechsel des Wetters oder der Wechsel der Jahreszeiten. Man kann das bedauern, aber man kann es nicht ändern. Darum heißen Kriege heute auch nicht mehr Kriege, sondern "Sanktionen zur Friedensgewinnung" oder "Präventivschläge zur Bewahrung westlicher Werte" oder einfach "Kampf gegen Terrorismus". Überfälle auf andere Länder, einst Angriffskriege genannt, heißen, da Angriffkriege von der UNO-Charta und dem Grundgesetz strengstens verboten sind, "Punktuelle Militäreinsätze gegen Verletzung der Menschenrechte". Und Besatzungsregimes, die man errichtet, sind dann lediglich Hilfeleistungen bei der Einführung von Demokratie und beim Brunnenbau. Und immer geht es um Freiheit, um jene "enduring freedom", was wohl am besten mit "Freiheit zur Endlösung" zu übersetzen ist und zwar Endlösung weltweit. Denn Terrorismus droht immer und überall. Da man die Terroristen im einzelnen nicht kennt, muß man sie suchen. Zu diesem Zweck schickte der Deutsche Bundestag gegen den Willen von 77 % der Deutschen deutsche Kampfflugzeuge in die umkämpften Gebiete, um sie landschaftlich aufzuklären. Und fallen Bomben auf die aufgeklärte Landschaft, sind unsere Flieger längst wohlbehalten in ihre Luftwaffenbasis im friedlichen Norden zurückgekehrt. Sicher, es sterben auch Zivilisten, im Irak sind es inzwischen 650.000. Doch das ist unvermeidlich, wie eben auch beim Hobeln Späne fallen. Woher sollen die Bomberpiloten wissen, ob sich nicht unter den Zivilisten auch Terroristen aufhalten? Auch das Mittelalter ist zurückgekehrt.
Aber was damals Folter hieß, mit der man
Geständnisse erpreßte, heißt
heute im militärischen Dienstgebrauch "Manipulation
des Befragungsumfeldes". Und es waren Sachzwänge,
die deutsche Unternehmen veranlaßten,
einem Despoten, den sie heute natürlich
verteufeln, Giftgas in den Nahen Osten zu liefern,
da im globalen Wettbewerb sonst die Konkurrenz
das Gas geliefert hätte. Wenn deutsche
Konzerne, Weltmeister im Export, auch Weltmeister
im Exportieren von Waffen in die Kriegsgebiete
sind, so nur, um in Deutschland Arbeitsplätze
zu schaffen und sei es um Billiglohn. Denn allen
geht es nur um den "Standort Deutschland",
was nur ein anderer Ausdruck für "Deutsche
Heimat" sei, so wie "Sachzwang"
heute das ist, was man früher Schicksal
nannte. Sang man einst zu Kaisers Zeiten von
der "Wacht am Rhein", die fest und
treu steht, damit das deutsche Vaterland ruhig
schlafen kann, sind es heute "unsere Jungs",
die Deutschland am Hindukusch verteidigen, damit
es weiter schlafen kann. Dieser, wie Ernst Bloch sagen
würde, "reale Nebel", der sich
da tagein, tagaus verklärend über
die Gehirne der Menschen legt. hat einen klaren
Zweck: die Menschen an Barbarei zu gewöhnen.
Sie können sie bedauern, sie können
dagegen protestieren, ja, sie mögen, und
sei es zu Ostern, dagegen demonstrieren, verändern
könne man es nicht. Versuche man es trotzdem,
führe das - wie die Vergangenheit zeige
- nur zur Verschlechterung. Denn selbst die
fehlende Arbeitslosigkeit in dem untergegangenen
deutschen Staat war - wie einer renommierten
Wirtschaftszeitschrift zu entnehmen ist - nichts
als Ausdruck verordneter Unfreiheit, da die
Stasi die Vollbeschäftigung rücksichtslos
erzwang. Also Hände weg! Es gibt ja genug
andere Möglichkeiten, ein bewegtes Leben
zu führen. Da sind Billigflüge und
Aldi-Reisen, da sind Gottschalk und Beckmann,
Christiansen nicht zu vergessen. Und da ist
die totale Spaßgesellschaft. Ihre "Events"
sollen vor allem vergessen machen, daß
auch eine andere Welt möglich ist. 1948 kam ein junger Zuschauer,
der "Mutter Courage" gesehen hatte,
zu Brecht und fragte, warum selbst Leute, denen
der Krieg Unglück gebracht hat, so wenig
über den Krieg gelernt hätten. Brechts
Antwort: Ich weiß, ich bin bei einem heiklen Thema angekommen: der Kapitalismuskritik. Wie schnell wird man heute dafür vom Verfassungsschutz als Verfassungsfeind beobachtet! Allein schon der Gedanke an Vergesellschaftung von Produktionsmittel reicht, wie wir sahen, daß selbst die Rechtsprechung, nach der vor dem Gesetz alle gleich sind, nur für den gilt, der sich zum kapitalistischen Wirtschaftssystem bekennen. Ich glaube, dem Verfassungsschutz muß zu unser aller Sicherheit dringend der Hinweis gegeben werden, auch die Verfassung auf Verfassungstreue hin zu beobachten. Denn im Grundgesetz, Artikel 15 steht: "Grund und Boden, Naturschätze und Produktionsmittel können zum Zwecke der Vergesellschaftung durch ein Gesetz, das Art und Ausmaß der Entschädigung regelt, in Gemeineigentum und in andere Formen der Gemeinwirtschaft überführt werden." Noch verdächtiger scheint mir ein anderer Text zu sein, und auch er sollte beobachtet werden. Denn da steht sogar: "Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist den staatlichen und sozialen Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht gerecht geworden. Inhalt und Ziel einer sozialen und wirtschaftlichen Neuordnung kann nicht mehr das kapitalistische Gewinn- und Machtstreben sein." Das stammt nicht von Marx auch nicht von Brecht, nicht einmal von Christian Klar, sondern von der CDU. Die Christlichen Demokraten schrieben den Text 1947 in ihr Grundsatzprogramm, das man heute noch leicht unter "www.ahlenerprogramm.de" im Internet einsehen kann. Doch zurück zu Brecht. Von ihm gibt es einen Text, der mir gut zum Abschluß des diesjährigen Ostermarsches zu passen scheint. Er entstammt dem Gedicht LOB DER DIALEKTIK und er enthält Vorschläge, wie man trotz auftretender Ermüdung und verständlichen Zweifels und trotz mancher Niederlage Wissen, Kraft, Hoffnung und Lust findet, um mit dem täglichen Bemühen um Frieden und Gerechtigkeit auf dieser Erde nie aufzuhören. Es ist nur ein Satz: WER SEINE
LAGE ERKANNT HAT, WIE SOLL DER AUFZUHALTEN SEIN!
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