Manfred Wekwerth

 

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"Leben des Galilei" 1955 am Berliner Ensemble: Probe mit Martin Flörchinger, Bertolt Brecht und Ernst Busch
"Leben des Galilei" 1955 am Berliner Ensemble:
Probe mit Martin Flörchinger, Bertolt Brecht
und Ernst Busch (v.l.n.r.)

 

 

 

mit Helene Weigel, Helmut Baierl, Joachim Tenschert 1967 in Buckow (Foto: Vera Tenschert)


... am selben Ort 2006 (Foto: A. Haas)

 

 

 

 

Helene Weigel und Ernst Busch in "Mutter Courage und ihre Kinder"
Helene Weigel und Ernst Busch im Film
"Mutter Courage und ihre Kinder"
(Regie: Wekwerth/Palitzsch)
nach der Inszenierung am Berliner Ensemble

 

 

Alternativlos?

Rede zum Abschluß des Berliner Ostermarsches am 9. April 2007
von Manfred Wekwerth

 


"Das Gedächtnis der Menschheit für erduldete Leiden ist erstaunlich kurz. Ihre Vorstellungsgabe für kommende Leiden ist noch fast geringer. Die Beschreibung, die der New Yorker von den Greueln der ersten abgeworfenen Atombombe erhielt, schreckten ihn anscheinend nur wenig. Deutsche, noch umringt von Ruinen, zögerten, die Hand gegen einen neuen Krieg zu erheben. Die weltweiten Schrecken der vierziger Jahre scheinen schnell vergessen. Der Regen von gestern macht mich nicht naß, sagen viele.
Diese Abgestumpftheit ist es, die wir zu bekämpfen haben, ihr äußerster Grad ist der Tod. Allzu viele kommen uns schon heute vor wie Tote, wie Leute, die schon hinter sich haben, was sie vor sich haben, so wenig tun sie dagegen.
Und doch wird nichts mich davon überzeugen, daß es aussichtslos ist, der Vernunft gegen ihre Feinde beizustehen. Laßt uns das tausendmal Gesagte immer wieder sagen, damit es nicht einmal zu wenig gesagt wurde! Laßt uns die Warnungen erneuern, und wenn sie schon wie Asche in unserem Mund sind. Denn der Menschheit drohen Kriege, gegen welche die vergangenen wie armselige Versuche sind, und sie werden kommen ohne jeden Zweifel, wenn denen, die sie in aller Öffentlichkeit vorbereiten, nicht die Hände zerschlagen werden."


Diesen Text schrieb Brecht 1952. Wer konnte ahnen, daß er 50 Jahre später seine furchtbare Gültigkeit wieder erlangt. Gnadenlose Kriege um Öl und Gas, Märkte und Handelszonen, um Umsatz und Absatz, Gewinne und Sur-plusgewinne sind wieder an der Tagesordnung. Diese Kriege aber werden heute von einem noch ganz anderen Krieg begleitet: den Krieg der Mächtigen gegen die Wahrheit. Unaufhörliches Verbreiten von Unwahrheiten soll die Menschen dazu bringen, das Unfaßliche als Normalität hinzunehmen.

Kriege seien wie Naturereignisse, sie kommen und gehen wie der Wechsel des Wetters oder der Wechsel der Jahreszeiten. Man kann das bedauern, aber man kann es nicht ändern. Darum heißen Kriege heute auch nicht mehr Kriege, sondern "Sanktionen zur Friedensgewinnung" oder "Präventivschläge zur Bewahrung westlicher Werte" oder einfach "Kampf gegen Terrorismus". Überfälle auf andere Länder, einst Angriffskriege genannt, heißen, da Angriffkriege von der UNO-Charta und dem Grundgesetz strengstens verboten sind, "Punktuelle Militäreinsätze gegen Verletzung der Menschenrechte". Und Besatzungsregimes, die man errichtet, sind dann lediglich Hilfeleistungen bei der Einführung von Demokratie und beim Brunnenbau. Und immer geht es um Freiheit, um jene "enduring freedom", was wohl am besten mit "Freiheit zur Endlösung" zu übersetzen ist und zwar Endlösung weltweit. Denn Terrorismus droht immer und überall. Da man die Terroristen im einzelnen nicht kennt, muß man sie suchen. Zu diesem Zweck schickte der Deutsche Bundestag gegen den Willen von 77 % der Deutschen deutsche Kampfflugzeuge in die umkämpften Gebiete, um sie landschaftlich aufzuklären. Und fallen Bomben auf die aufgeklärte Landschaft, sind unsere Flieger längst wohlbehalten in ihre Luftwaffenbasis im friedlichen Norden zurückgekehrt. Sicher, es sterben auch Zivilisten, im Irak sind es inzwischen 650.000. Doch das ist unvermeidlich, wie eben auch beim Hobeln Späne fallen. Woher sollen die Bomberpiloten wissen, ob sich nicht unter den Zivilisten auch Terroristen aufhalten?

Auch das Mittelalter ist zurückgekehrt. Aber was damals Folter hieß, mit der man Geständnisse erpreßte, heißt heute im militärischen Dienstgebrauch "Manipulation des Befragungsumfeldes". Und es waren Sachzwänge, die deutsche Unternehmen veranlaßten, einem Despoten, den sie heute natürlich verteufeln, Giftgas in den Nahen Osten zu liefern, da im globalen Wettbewerb sonst die Konkurrenz das Gas geliefert hätte. Wenn deutsche Konzerne, Weltmeister im Export, auch Weltmeister im Exportieren von Waffen in die Kriegsgebiete sind, so nur, um in Deutschland Arbeitsplätze zu schaffen und sei es um Billiglohn. Denn allen geht es nur um den "Standort Deutschland", was nur ein anderer Ausdruck für "Deutsche Heimat" sei, so wie "Sachzwang" heute das ist, was man früher Schicksal nannte. Sang man einst zu Kaisers Zeiten von der "Wacht am Rhein", die fest und treu steht, damit das deutsche Vaterland ruhig schlafen kann, sind es heute "unsere Jungs", die Deutschland am Hindukusch verteidigen, damit es weiter schlafen kann.
Doch genug davon.

Dieser, wie Ernst Bloch sagen würde, "reale Nebel", der sich da tagein, tagaus verklärend über die Gehirne der Menschen legt. hat einen klaren Zweck: die Menschen an Barbarei zu gewöhnen. Sie können sie bedauern, sie können dagegen protestieren, ja, sie mögen, und sei es zu Ostern, dagegen demonstrieren, verändern könne man es nicht. Versuche man es trotzdem, führe das - wie die Vergangenheit zeige - nur zur Verschlechterung. Denn selbst die fehlende Arbeitslosigkeit in dem untergegangenen deutschen Staat war - wie einer renommierten Wirtschaftszeitschrift zu entnehmen ist - nichts als Ausdruck verordneter Unfreiheit, da die Stasi die Vollbeschäftigung rücksichtslos erzwang. Also Hände weg! Es gibt ja genug andere Möglichkeiten, ein bewegtes Leben zu führen. Da sind Billigflüge und Aldi-Reisen, da sind Gottschalk und Beckmann, Christiansen nicht zu vergessen. Und da ist die totale Spaßgesellschaft. Ihre "Events" sollen vor allem vergessen machen, daß auch eine andere Welt möglich ist.
So heißt die heute bei den Mächtigen so beliebte und für die Leute so gefährliche Zauberformel, von Bildschirm und Kanzel verkündet wie eine neue Religion: TINA, erfunden einst von Margret Thatcher, setzt es sich aus den Worten zusammen THERE IS NO ATERNATIVE.
Ob die Telecom trotz bejubeltem "Anspringen der Konjunktur" 5000, das Volkswagenwerk 6000 , Daimler-Chrysler 13.000 und Airbus 20.000 Arbeitsplätze streicht; ob die Deutsche Bahn, um sich für den Börsengang fit zu machen, die Zahl der Hochgeschwindigkeitszüge erhöht und dafür durch "Verschlankung" im Nahverkehr ganze Gegenden lahmlegt; ob der Bundestag, obwohl es für Arbeitssuchende über 50 keine Arbeit gibt, wiederum gegen den Willen von 2/3 der Bevölkerung die Lebensarbeitszeit von 65 auf 67 heraufsetzt - bei allen Unternehmungen findet man das kleine Wörtchen "alternativlos". In seiner Harmlosigkeit läßt es vergessen, daß damit ganze Zeitalter der Menschheit rückgängig gemacht werden. Denn der Mensch wurde nur zum Menschen, indem er Alternativen, die es immer und überall gibt, erkennt und nützt. Verkündend das Ende aller Ideologie, ist die Behauptung der Alternativlosigkeit selbst die größte aller Ideologien, denn sie behauptet nichts Geringeres als das Ende der Geschichte. Die Entwicklung sei mit der heutigen Gesellschaft auf ihrem Höhepunkt angekommen. Man deklariert Stillstand, um die Geschäfte des Kapitals um so wilder zu betreiben. Wo vom Ende des Klassenkampfes die Rede ist, kann man sicher sein, daß man ihn um so brutaler zu führen wünscht. Auch Kriege um Rohstoffe und Absatzmärkte lassen sich um so erbarmungsloser führen, je mehr man sie zum natürlichen Teil der Schöpfung erklärt. Kriege gäbe es eben, solange es Menschen gibt. Und bringen Kriege viele Menschen ins Unglück, dann ist eben auch das Unglück alternativlos.

1948 kam ein junger Zuschauer, der "Mutter Courage" gesehen hatte, zu Brecht und fragte, warum selbst Leute, denen der Krieg Unglück gebracht hat, so wenig über den Krieg gelernt hätten. Brechts Antwort:
"Im Kapitalismus ist es ungeheuer schwierig für den einzelnen einzusehen, daß der Krieg nicht nötig ist, denn im Kapitalismus ist er nötig, nämlich für den Kapitalismus. Dieses Wirtschaftssystem beruht auf dem Kampf aller gegen alle, der Großen gegen die Großen, der Großen gegen die Kleinen, der Kleinen gegen die Kleinen. Man muß schon erkennen, daß der Kapitalismus ein Unglück ist, um zu erkennen, daß der Unglückbringende schlecht, d. h. unnötig ist. Kampf um Frieden ist Kampf gegen Kapitalismus."

Ich weiß, ich bin bei einem heiklen Thema angekommen: der Kapitalismuskritik. Wie schnell wird man heute dafür vom Verfassungsschutz als Verfassungsfeind beobachtet! Allein schon der Gedanke an Vergesellschaftung von Produktionsmittel reicht, wie wir sahen, daß selbst die Rechtsprechung, nach der vor dem Gesetz alle gleich sind, nur für den gilt, der sich zum kapitalistischen Wirtschaftssystem bekennen. Ich glaube, dem Verfassungsschutz muß zu unser aller Sicherheit dringend der Hinweis gegeben werden, auch die Verfassung auf Verfassungstreue hin zu beobachten. Denn im Grundgesetz, Artikel 15 steht: "Grund und Boden, Naturschätze und Produktionsmittel können zum Zwecke der Vergesellschaftung durch ein Gesetz, das Art und Ausmaß der Entschädigung regelt, in Gemeineigentum und in andere Formen der Gemeinwirtschaft überführt werden." Noch verdächtiger scheint mir ein anderer Text zu sein, und auch er sollte beobachtet werden. Denn da steht sogar: "Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist den staatlichen und sozialen Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht gerecht geworden. Inhalt und Ziel einer sozialen und wirtschaftlichen Neuordnung kann nicht mehr das kapitalistische Gewinn- und Machtstreben sein." Das stammt nicht von Marx auch nicht von Brecht, nicht einmal von Christian Klar, sondern von der CDU. Die Christlichen Demokraten schrieben den Text 1947 in ihr Grundsatzprogramm, das man heute noch leicht unter "www.ahlenerprogramm.de" im Internet einsehen kann.

Doch zurück zu Brecht. Von ihm gibt es einen Text, der mir gut zum Abschluß des diesjährigen Ostermarsches zu passen scheint. Er entstammt dem Gedicht LOB DER DIALEKTIK und er enthält Vorschläge, wie man trotz auftretender Ermüdung und verständlichen Zweifels und trotz mancher Niederlage Wissen, Kraft, Hoffnung und Lust findet, um mit dem täglichen Bemühen um Frieden und Gerechtigkeit auf dieser Erde nie aufzuhören. Es ist nur ein Satz:

WER SEINE LAGE ERKANNT HAT, WIE SOLL DER AUFZUHALTEN SEIN!


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